„Der Holocaust hat für mich nie aufgehört“

Reflexion eines Zeitzeuginnengesprächs über die Verfolgung von RomNia und SintiZe

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Da ich in letzter Zeit wenig Zeit, noch weniger Lust hatte, meinen Blog zu pflegen, möchte ich in nächster Zeit ein paar Dinge aus dem alten Jahr nachreichen.

Am 07.11.2018 luden Studierende der Goethe Universität und die Forschungsstelle NS-Pädagogik die Schwestern Frau Strauß und Frau Rose, beide Töchter von Eltern, die die deutsche Verfolgung  in Konzentrations- und Vernichtungslagern überlebt hatten, zu einem Gespräch ein. Die Schwestern berichteten darüber, wie sich die Verfolgungsgeschichte ihrer Eltern auf ihr Leben im Nachkriegsdeutschland auswirkte und bis heute auswirkt. Die beeindruckende Darstellung der Lebensgeschichte ihrer Eltern und ihrer eigenen Verwobenheit in die Verletzungen, die die Deutschen ihren Eltern und den nachfolgenden Generationen zugefügt haben, müsste eigentlich viel breiter reflektiert werden. Leider kann ich, drei Monate später, nur noch die drei für mich prägenden Aussagen festhalten, die ich mir damals notiert habe und von denen ich denke, dass sie mitteilenswert sind.

Mir wurde durch die Schilderung der Kindheitserlebnisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit bewusst, wie sehr die jahrzehntelange deutsche Weigerung, den Völkermord an den RomNia und SintiZe anzuerkennen, die individuelle psychische Verarbeitung der Opfer behinderte, wie sehr die kollektive Leugnung der Taten dazu führte, dass das Zur-Sprache-Bringen lediglich innerfamiliär geschehen und somit verarbeitet werden konnte. Eine der Schwestern erzählte davon, dass ihr Vater niemanden außer seine Töchter gehabt habe, dem er von den Erlebnissen im Konzentrationslager hätte erzählen können. Nachts, wenn ihr Papa mal wieder nicht schlafen konnte, habe er oftmals seine Töchter geweckt und Ihnen von den Erlebnissen im Lager erzählt, die ihn wieder und wieder verfolgt hätten. Wir erinnern uns: Deutsche Gerichte haben in den Nachkriegsjahrzehnten geleugnet, dass es eine rassische Verfolgung von SintiZe und RomNia gegeben hätte, eine Entschädigung für das Leid oder eine Anerkennung der Vernichtung fand in der BRD lange nicht statt. Natürlich hätte auch ein offener Umgang mit diesem Thema das Leid nicht ungeschehen gemacht. Aber kollektive Artikulationsmöglichkeiten und eine Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte führen stets auch zur Gelegenheit einer individuellen Artikulation und Verarbeitung der eigenen Verfolgungsgeschichte. Indem die Deutschen bis in die 80er Jahre hinein diese systematische Verfolgung leugneten waren boten die Familien die einzige Möglichkeit, dass die Verfolgung der SintiZe zur Sprache kommen konnte und in denen Bewältigungsversuche passieren konnten. Inklusive aller negativer Folgen für die nachfolgenden Generationen, von denen Frau Strauß und Frau Rose berichteten.

Zweitens blieb mir ein bemerkenswerter Satz in Erinnerung: „Der Holocaust hat für mich nie aufgehört“. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob ich mir diesen Satz als Sinnzusammenhang oder wörtliches Zitat aufgeschrieben habe. Erläutert wurde diese Schlussfolgerung so: Frau Rose schilderte, dass ihre Eltern aufgrund ihrer Verfolgung stets eine aus der Sicht der Töchter übertriebene Sorge um ihre Kinder hatten, besonders wenn diese alleine unterwegs waren. Diese unverhältnismäßige Angst vor einem plötzlichen Verschwinden der Kinder wirkte sich aus Sicht von Frau Rose jedoch auch auf ihre eigene Kindererziehung aus: Ihre Kinder machten sich über sie lustig, wie sie diesen zum Beispiel stets aus dem Fenster der Familienwohnung hinterherschaute wenn sie das Haus verlassen haben, so als wollte Frau Rose sicherzustellen, dass ihren Kindern auch wirklich nichts zustoße auf dem Weg in die Schule. Natürlich wurde über die transgenerationale Weitergabe von Traumata schon vieles geschrieben, und dennoch wird ja die Zahl derer nicht kleiner – gerade heute – die sich dem Motto „irgendwann muss doch mal Schluss sein“ verschrieben haben. Natürlich ist das stets ein Spruch für komplette Idioten gewesen, denn jeder Mensch ist genauso verwoben in die Nachwirkungen der Geschichte und in die kollektiven Erfahrungen und Traumata, egal ob er davon etwas wissen will oder auch nicht. Man verhält sich immer zur Geschichte, denn nichts in der Welt ist ohne diese. Kommen wir wieder zum eigentlichen Satz zurück: „Der Holocaust hat nie aufgehört“. Auch in der Sozialarbeit mit wohnungslosen RomNia erlebe ich immer wieder Situationen, die nach meiner Meinung ohne die Nachwirkungen der Verfolgung nicht zu verstehen sind. So machten mehrere meiner KollegInnen die Erfahrung, dass viele RomNia eine ungleich größere Angst vor medizinischen Untersuchungen haben als Mehrheitsdeutsche, und dass vor allem die Angst vor der Untersuchung von Kindern sehr groß ist. Ich glaube, dass diese Angst nicht ohne die Geschichte der „rassebiologischen“ Ausforschung und ohne die Politik der Nazis und ihrer europäischen Bündnispartner, die Kinder von ihren Eltern trennten, zu verstehen ist. Ich glaube es gibt viele bemerkenswerte Situationen zwischen Mehrheitsdeutschen und deutschen oder nicht-deutschen RomNia oder SintiZe, deren Dynamik und deren manchmal merkwürdige Übertragungen und Gegenübertragungen sich erst entschlüsseln lassen, wenn man die Nachwirkungen der Vernichtung berücksichtigt. Denn im kollektiven Gedächtnis hat sie tatsächlich niemals aufgehört.

Drittens und Letztens: Eine der Schwestern sagte einen Satz, der erst einmal selbstverständlich klingt: „Wir sind ganz normale Menschen“.* So wie jeder andere Mensch auch, Menschen die genauso empfinden wie der Rest der Menschheit. Wer könnte die Wahrheit dieses Satzes auch anzweifeln? Das Traurige ist, dass ich voll und ganz verstehen kann, wenn sich Frau Rose oder Frau Strauß genötigt fühlen, das Publikum von der Wahrheit dieses Satzes zu überzeugen. Ich habe in der Wohnungslosenhilfe erlebt und auf diesem Blog immer wieder dargestellt, das BürgerInnen ihren Müll auf obdachlose RomNia schmeißen, dass JournalistInnen und PolizistInnen RomNia als pars pro toto für Delinquenz darstellen und städtische Bedienstete das Leben in Schmutz zum kultuellen Wesen der RomNia zählen. Leider glaube ich, dass man vom Satz „Wie sind ganz normale Menschen“ noch sehr viele Leute überzeugen müsste.

 

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*Auch hier bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich mir diesen Satz als Sinnzusammenhang oder wörtliches Zitat aufgeschrieben habe.

 

 

 

 

 

Vom verlorenen Paradies im Bahnhofsviertel

Es sind merkwürdige Ansichten über ausländische Wirte und die Arbeitsbedingungen im Bahnhofsviertel, von denen man heute in der FNP lesen kann

Wenn man einen entspannten Abend mit höflichen Gästen erleben möchte, weder Onkelz noch Freiwild hören mag und nicht völlig ohne Anlass von Hardcore-Chauvis angepöbelt werden will, geht man in Frankfurt natürlich seit Langem wohin? Genau! Ins Moseleck.

Der Vorzeigewirt dieser Lifestyle- und Wellnessbar äußert sich heute ausführlich in der FNP zum Kneipensterben im Viertel und zum allgemeinen Elend der Gastroszene im Viertel.

Früher „waren hier 90 Prozent Deutsche in den Betrieben, heute gibt es kaum noch deutsche Wirte. Nur drei Cafés lassen keine Betrunkenen rein: das Coco Loco, das My Way und das Moseleck. Die Aggression ist gestiegen. Das Drogenproblem wird größer..

Ach, früher. Bevor die bösen ausländischen Wirte kamen, die die Stimmung so aggro machen. Als man noch Deutschrock spielen konnte, ohne dass sich jemand daran gestört hat.

Und als man noch das prekäre Proletariat ausbeuten konnte, ohne dass „Küchenmitarbeiter mit Messern auf ihre Chefs losgehen„.

Ach, früher. Als man noch, wie es auch heute noch im Bahnhofsviertel passiert, das migrantische prekäre Proletariat hemmungslos ausnehmen konnte: Ohne Arbeitsverträge, ohne Urlaubsanspruch, ohne soziale Sicherheit,* aber wenigstens sind sie aus Respekt noch zusammengezuckt,** wenn der Chef die Hand gehoben hat. Damals hat sich niemand beschwert, wenn er zusammen mit vier anderen ein 10 m²-Zimmer ohne Mietvertrag über dem Lokal bewohnen durfte.*** Nein, man war froh darüber, und hat seine Miete rechtzeitig gezahlt.

Und heute? Es ist ein Elend.

 

 

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* True story, Bericht von Klienten in Beratung

** dito

*** es gibt ein bestimmtes Lokal, da wohnt sogar eine Familie mit Kindern in einer Art Mansarde über dem Betrieb, in dem der Vater schafft. Die zu zahlende Miete ist üppig.

 

 

Was der Igel darf und den Obdachlosen verwehrt wird

Schnappschuss während Streetwork

Wer darf im Winter im Laubhaufen schlafen? Igel, Insekten, Spitzmäuse. In Frankfurt aber keine Menschen. Da macht man ein Gitter drumherum. Nicht, dass die sich wie letztes Jahr wieder auf den gleichen Laubhaufen an derselben Stelle legen und dort schlafen, das wäre ja zuviel des Guten.
Denn wir wissen ja von Michael zu Löwenstein: „Wir tun ja bereits sehr, sehr viel für Obdachlose jeglicher Herkunft. […] Die Notwendigkeit […] zusätzliche Angebote zu schaffen, sehen wir nicht.“
(Schnappschuss während Streetwork)

Die antiziganistische Struktur des Frankfurter Armutsdiskurses

Veranstaltungsankündigung meines Vortrags am 31.10.2018

Im Folgender der detailierte Ankündigungstext zu meinem Vortrag, den ich im Zuge der Veranstaltungsreihe „Perspektiven auf Lebensrealitäten von Rom*nja in Frankfurt. Antiziganistische Vorurteilsstrukturen von der NS-Zeit bin heute“ halte. Am 31.10.2018 um 19 Uhr im KOZ.

 

Eine Analyse des aktuellen medialen wie kommunalpolitischen Antiziganismus in Frankfurt vor dem Hintergrund seiner gesellschaftlichen Grundlage sowie seiner ungebrochenen historischen Kontinuität

Als Italiens Innenminister Matteo Salvini im Sommer dieses Jahres vorschlug, alle RomNia Italiens polizeilich zu erfassen, war die Empörung deutscher Leitmedien über die protofaschistische Politik der Lega Nord groß. Der massenmediale Fingerzeig auf die italienischen Verhältnisse ignorierte jedoch die Tatsache, dass auch in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert RomNia, SintiZe und andere Markierte kriminalisiert und polizeilich erfasst werden. Erst vor Kurzem kam der Politologe Markus End zum Schluss, dass die kriminalpolizeiliche Kategorisierung der RomNia und SintiZe in Frankfurt bis in die heutige Zeit stattfindet.

Die antiziganistische Ideologie und ihr Widerhall in Deutschlands Politik und Gesellschaft zeichnen sich – trotz des deutschen Völkermords an den RomNia und SintiZe – durch eine erstaunliche Kontinuität aus. Nach 1945 hat sich das Sprechen über RomNia, SintiZe und andere Markierte jedoch auch verändert und wurde chiffriert, so dass Antiziganismus in Deutschland vollkommen enttabuisiert öffentlich reproduziert werden kann, selbst wenn Vernichtungsphantasien deutlich zutage treten: „Wann werden sie endlich vertrieben?“ fragt eine Boulevardzeitung etwa in einem Artikel über „aggressive Bettler“ in Frankfurt.

Eine besondere Konjunktur hat der Antiziganismus dabei stets in Zeiten ökonomischer Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche. Im aktuellen Diskurs über Armut und binnen-europäische Migration (mediales Schlagwort: „Armutsmigration“) erlebt der Antiziganismus daher eine erschreckende Hochphase. Ausländische Wohnungslose und Arbeitssuchende werden als Gefahr für die deutsche Nation dargestellt. Die Hauptzielscheibe dieser nationalistischen Wut sind dabei vor allem RomNia und alle anderen, die der Antiziganismus markiert.

Der Vortrag veranschaulicht, wie sich einerseits im aktuellen Frankfurter Armutsdiskurs und anderseits in der örtlichen kommunalpolitischen Praxis Antiziganismus widerspiegelt und erinnert an dessen historische Kontinuität in Frankfurt. Dabei beschränkt sich der Vortrag nicht auf eine Analyse des Sprachlichen, sondern umreißt auf der Basis einer materialistischen Gesellschaftstheorie und der kritischen Kriminologie die gesellschaftlichen Grundlagen der antiziganistischen Ideologie.

Sinnloses Muskelspiel

Wie man heute bundesweit in der Presse lesen darf, hat die Polizei heute Nacht erneut das Bahnhofsviertel durchkämmt und den einen oder anderen Zufallserfolg erzielt.

Die der Öffentlichkeit präsentieren Erfolge sind derart gering, dass schnell klar wird, worum es nach meiner Meinung geht: Die Muskeln spielen lassen, Macht demonstrieren, die Überlegenheit der blauen Gang beweisen, die Daseinsberechtigung der „special forces“ im Bahnhofsviertel belegen. Nichts wird sich nachhaltig durch solche Muskelspiele am Drogenhandel oder an der Struktur der Sexarbeit im Viertel ändern.

Menschen berichteten mir heute im Viertel, dass gegen sie von der Polizei wegen Kleinstmengen Marijuana „zum Eigenkonsum“ auf der Straße hochgenommen wurden. So kamen also die von der Polizei als Erfolg gemeldeten 27 Rauschgiftdelikte zum Teil zustande: indem man mit „Kanonen auf Spatzen“ schießt. Wahrscheinlich hätte eine Durchsuchung jeder Abifeier im Grüneburgpark mehr RauschgiftbesitzerInnen entlarvt.

Mehr zu den Kollateralschäden der polizeilichen Muskelspiele lesen Sie hier.

 

Zum Beispiel Ausgrenzung von Obdachlosen

Sozialarbeit als willfährige Vollstreckerin nationalistischer Politik und die Notwendigkeit einer kritischen Praxis Sozialer Arbeit

Seit ich die Alma Mater verlassen habe und ich mich leider nur noch nebenher der Wissenschaft und der kritischen Reflexion der Berufspraxis Sozialer Arbeit widmen kann, liegt mir immer öfter mein alter Freund Crash* in den Ohren. Als wir beide noch Studenten waren, begründete Crash seine damalige Überzeugung, kein Sozialarbeiter werden zu wollen, laut meiner Erinnerung mit folgenden Worten: „Ich will doch kein Bulle werden.“**

Ich weiß nicht genau, ob ich damals den tieferen Sinn dieses Satzes begriffen habe. Je mehr ich den Unterschied zwischen meinem eigenen an der Hochschule internalisierten Selbstbild als Sozialarbeiter und dem, was die Berufspraxis aus vielen SozialarbeiterInnen macht, kennenlerne, desto öfter werde ich jedoch daran erinnert, wie schwierig es für manche SozialarbeiterInnen ist, nicht nur ein/e ErfüllungsgehilfIn der staatlichen Exekutive zu sein.

An der Hochschule, Stichwort „Professionalisierungsdebatte“, wird Studierenden der Sozialen Arbeit eingebläut, dass es unglaublich wichtig sei, als SozialarbeiterIn eine eigene Berufsidentität zu entwickeln und sich auf die Profession Sozialer Arbeit rückbeziehen zu können, um den Anforderungen, die z.B. die Politik an die Sozialarbeit stelle, im Zweifelsfall auch widersprechen zu können. In der Vorstellung der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession heißt das, dass SozialarbeiterInnen ein „eigenes, wissenschaftlich und ethisches begründetes Referenzsystem, das der Profession eine kritisch-reflexive Distanz gegenüber den AdressatInnen, der Politik, den Trägern/Finanzgebern ermöglicht“ (Staub-Bernasconi 2007, 7) brauchen. Ich verstehe seither Soziale Arbeit als Menschenrechtsarbeit und berufe mich auf die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und auf meine Berufsethik. In der Berufspraxis erkenne ich tagtäglich, wie wichtig es ist, die Frage „Was ist Soziale Arbeit und wozu praktizieren wir diese?“ beantworten zu können, um gegenüber Vorgesetzten, gesellschaftlichen Institutionen und in gesellschaftlichen Debatten selbstbewusst auftreten zu können und für seine Klientel parteiisch sein zu können.

Soweit das internalisierte Selbstbild als Sozialarbeiter. Die kritische Theorie der Sozialen Arbeit widerspricht diesem Selbstbild zwar nicht, aber hat im Gegensatz zur Theorie einer Staub-Bernasconi stets betont, wie schwierig (wenn nicht sogar unmöglich) es ist, sich im Berufsalltag nicht den Vorgaben der Politik zu beugen. An dieser Stelle wird die ordnungsstabilisierende Funktion der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund einer bürgerlich-kapitalistischen Grundstruktur herausgestellt. Ein Blick auf die Entstehung der Sozialarbeit und ihrer Vorläufer in Deutschland lässt erkennen, dass die Sozialarbeit stets auch eine herrschaftssichernde Reaktion auf soziale Konflikte, also der Versuch, gesellschaftliche Phänomene wie etwa den Pauperismus oder die Arbeiterbewegung sozialreformerisch zu zähmen, war (vgl. Sorg 2012, 104 ff.) Die gesellschaftliche Funktion von Hilfe wird, unabhängig von der subjektiven Intention der/des PraktikerIn, durch eine abmildernde Bearbeitung von durch die Mehrheitsgesellschaft definierter Devianz erfüllt. Diese Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemen kann durch eine Entpolitisierung von gesellschaftlichen Konflikten qua Individualisierung und Ethnisierung (vgl. Cremer-Schäfer/Steinert 2014, 47 ff.) stattfinden und soll in seiner inkludierenden Variante die KlientInnen zu „funktionsfähigen“ LohnarbeiterInnen machen, in seiner exkludierenden Variante die Ausgeschlossenen kontrollieren, etikettieren und damit weiterhin marginalisieren (vgl. Sorg 2012, 106; Stehr 2012, 434).

An dieses, eher pessimistische Bild der Sozialen Arbeit, das widerspruchsfrei auch mit dem Satz meines alten Freundes Crash kompatibel ist, fühle ich derzeit in der Wohnungslosenhilfe erinnert. Wie ich auf diesem Blog schon des öfteren thematisiert habe, hat die deutsche Politik in den letzten Jahren viele Anstrengungen unternommen, um wohnungslose EU-BürgerInnen aus der staatlichen Hilfe auszuschließen. Keine Arbeit zu haben und keinen deutschen Pass, dafür aber EU-BürgerIn zu sein, das heißt in der Regel auch, keinen Platz in einer kümmerlichen Mehrbett-Notunterkunft zu bekommen, keine Hilfe für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten nach §§67 SGBXII, keine andere Form von staatlicher Hilfe, keine übliche medizinische Versorgung. Die Mittel der SozialarbeiterInnen für einen Großteil der Obdachlosen in Frankfurt beschränken sich somit auf eine Überlebenshilfe, die keinen menschenwürdigen Standard gewährleistet. Die klassischen Instrumente der Wohnungslosenhilfe, nämlich Hilfen nach §§67 SGBXII, Hilfe beim Antrag von anderen staatlichen Hilfen oder/und die Vermittlung in ein Notbett, sind auf die Mehrheit der Obdachlosen nicht mehr anwendbar.

SozialarbeiterInnen böten sich mehrere Optionen, um auf diesen politischen Wandel zu reagieren. Eine Möglichkeit, ganz im Sinne einer eigenen Berufsidentität, wie man von ihr an der Hochschule redet, wäre, seine Arbeit auf die Menschenrechte rückzubeziehen und den Artikel 25 der UN-Menschenrechtskonvention vor Augen zu haben, denn „jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen gewährleistet.“ Beim Kontakt mit Ämtern, Vorgesetzten, der Kommunalpolitik könnten SozialarbeiterInnen als Lobby ihrer Klientel diesen nationalistischen Ausschluss eines Großteils ihrer Klientel zum Thema machen. Sie könnten sich als kollektiver Akteur mit ihren KollegInnen zusammenschließen und die Möglichkeiten des Protestes gegen eine nationalistische Sozialpolitik erörtern. Ich kenne nicht wenige KollegInnen, die ihr Möglichstes tun, um den Ausschluss und die Versagung von universellen Grundrechten anzuprangern. Die Bedingung zu einem solchen widerständigen Handeln ist aus meiner Sicht, selbst zu wissen, wer man ist und die oben aufgeworfene Frage „Was ist und weshalb betreiben wir Soziale Arbeit?“ beantworten zu können.

Die Soziale Arbeit und ihre Vorläufer haben aber in der Vergangenheit oft eine andere Antwort auf politische Vorgaben gewählt. Ich will ihn hier den Weg des geringsten Widerstands nennen. Die neuen politischen Maxime werden hierbei einfach übernommen, internalisiert und in die sozialarbeiterische Praxis integriert. Der Reiz dieses Weges liegt auf der Hand: Der Job bleibt sicher, die Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg wird nicht verwehrt, die Konflikte mit Vorgesetzten, Ämtern oder PolitikerInnen halten sich in Grenzen, das gesellschaftliche Ansehen ist hoch, vielleicht winkt irgendwann ein Pöstchen beim Arbeitgeber oder in der kommunalen Sozialverwaltung? Das schlimmste Beispiel für die Übernahme politischer Vorgaben ohne widerständige Praxis bildeten diejenigen, die in der Fürsorge und Wohlfahrtpflege zur Zeit des Nationalsozialismus arbeiteten: Sie wurden zum Größten Teil zu willigen VollstreckerInnen der nationalsozialistischen Vernichtung. Zu diesem dunklen Kapitel der Sozialen Arbeit gibt es mittlerweile viel Forschungsliteratur (kurze Einführung samt Forschungsübersicht: hier). Das damalige Klima der Einschüchterung, der faschistischen Formierung und die damalige Angst vor drastischen Sanktionen im Falle von Widerstand werden damals ebenfalls zur Übernahme der nationalsozialistischen Ausgrenzung beigetragen haben.

Obwohl wir in einer Zeit des gesellschaftlichen Rechtsrucks mit ungewissem Ausgang leben, wären SozialarbeiterInnen, die politischer Exklusion widersprechen, heutzutage in Deutschland nicht im Entfernten einer ähnlichen Gefahr wie kritische FürsorgerInnen in Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie könnten den politischen Ausschluss offensiv anprangern und sich öffentlich für eine Wahrung der Menschenrechte auch für obdachlose EU-BürgerInnen einsetzen, vermutlich würde dieses Eintreten für die Klientel mit keiner einzigen Sanktion belegt werden. Es erfüllt mich daher mit größter Sorge, dass einige SozialarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe die politische Ausgrenzung komplett in ihr Sprechen und ihr Verständnis von Hilfe integriert haben: Eine Institution der Wohnungslosenhilfe und ihre SozialarbeiterInnen zählen seit Neuestem OsteuropäerInnen nicht mehr zu den Wohnungslosen. Sie sprechen von KlientInnen der Wohnungslosenhilfe einerseits, und OsteuropäerInnen andererseits. Dieser verbale Ausgrenzung aus dem Hilfesystem ist noch mehr als der Widerspiegelung der aktuellen Gesetzeslage. Denn das neue Gesetz schließt selbstverständlich nicht nur OsteuropäerInnen aus, sondern eigentlich alle EU-BürgerInnen ohne Arbeitnehmerstatus gleichermaßen***. Die SozialarbeiterInnen der besagten Institution gehen aber noch weiter, und spiegeln durch ihre Trennung von „KlientInnen der Wohnungslosenhilfe“ und „OsteuropäerInnen“ die nationalistische Hetzstimmung des massenmedialen Armutsdiskurses gegen die so genannten „Südosteuropäische Armutsmigranten“ (vgl. Lausberg 2015) wider.

Die Gründe, in dieser Institution eine solche einheitliche Sprachregelung zu treffen, kenne ich nicht. SozialarbeiterInnen, die selbst im heutigen gesellschaftlichen Klima ihr sozialarbeiterisches Rückgrat vermissen lassen und den politischen Ausschluss sprachlich manifestieren, sind für mich aber ein beängstigender Hinweis darauf, dass im Falle einer potentiellen erneuten Faschisierung der Gesellschaft eventuell auch dieses Mal in meinen Berufsstand kaum Hoffnung zu setzen ist.

Kommen wir zuletzt wieder zu Crash. Dieser Text soll nicht als Aporie verstanden werden. Wenn Crash damals meinte, dass man als SozialarbeiterIn zwangsläufig ein „Bulle“ sei, dann müsste ich ihm heute widersprechen. Ich habe zu viele gute SozialarbeiterInnen kennengelernt, deren Arbeitshaltung trotz alledem durch einen unerschütterliche Prinzipientreue, eine sympathische anarchistische Grundhaltung und eine leidenschaftliche Anwaltschaft für ihre Klientel geprägt ist, um an die Unausweichlichkeit der Übernahme politischer Vorgaben durch die Soziale Arbeit zu glauben. Was SozialarbeiterInnen nach meiner Einschätzung aber benötigten, um eine Kritik ihrer eigenen Praxis und eine kritische Praxis zu entwickeln, sind Reflexionsräume, in denen SozialarbeiterInnen als SozialarbeiterInnen ihre eigene Praxis überdenken und ihre Verstrickung in die Aufrechterhaltung von Unterdrückung reflektieren können (vgl. Anhorn et al. 2012, 12 f.). Um in diesem Kontext Frank Bettinger zu zitieren: „Eine sich reflexiv und kritisch verstehende Soziale Arbeit [ist] aufgefordert, die Begrenzungen und subtilen Mechanismen zu erkennen, zu kritisieren und gegebenenfalls zu zerstören, die dazu beitragen (sollen), gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse zu reproduzieren und Herrschaftsverhältnisse zu verinnerlichen“ (Bettinger 2013, 87). Diese Räume können in kleinerem Rahmen sozialarbeiterische Dienstbesprechungen sein, aber sollten im Idealfall über die eigene Einrichtung hinaus gehen, im Sinne einer interinstitutionellen Interessenformulierung, Identitätswahrung (- oder erst Bildung?) und widerständigen Berufspraxis. Wie diese Räume zu schaffen wären, dies soll jedoch ein anderes Mal Thema sein.

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* Name durch den Autoren geändert

** Dies hielt ihn nicht davon ab, seine Abneigung gegen SozialarbeiterInnen später aufzugeben

*** Zu detailierteren Spitzfindigkeiten des Sozialrechts für EU-AusländerInnen, vgl. diese, leider nicht mehr ganz aktuelle Handreichung

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LITERATUR:

Anhorn, Roland/Bettinger, Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (2012): Zur Einführung: Kristallisationspunkte kritischer Sozialer Arbeit, In: Anhorn, Roland/Bettinger,Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritischeSoziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 1-26.

Bettinger, Frank (2013): Kritik Sozialer Arbeit – Kritische Soziale Arbeit. In: Hünersdorf, Bettina/Hartmann, Jutta: Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit? Disziplinäre und interdisziplinäre Diskurse, Wiesbaden: Springer VS, 87-108.

Cremer-Schäfer, Helga/Steinert, Heinz (2014): Straflust und Repression. Zur Kritik der populistischen Kriminologie (2. Auflage), Münster: Westfälisches Dampfboot.

Lausberg, Michael (2015): Antiziganismus in Deutschland. Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien, Marburg: Tectum.

Müller, Falko (2012): Von der Kritik der Hilfe zur „Hilfsreichen Kontrolle“: Der Mythos von Hilfe und Kontrolle zwischen Parteilichkeit und Legitimation. In: Anhorn, Roland/Bettinger,

Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 123-146.

Sorg, Richard (2012): Kapitalismus und Soziale Arbeit. In: Eichinger, Ulrike/Weber, Klaus (Hrsg.): Soziale Arbeit. Texte kritische Psychologie (Bd. 3), Hamburg: Argument, 97-121.

Staub-Bernasconi (2007b): Vom Beruflichen Doppel- zum professionellen Triple-Mandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit.In: Sozialarbeit in Östereich. 2/07, 1-17. Onlinequelle: http://www.avenirsocial.ch/cm_data/vom_doppel-_zum_tripelmandat.pdf

Stehr, Johannes (2012): Kritische Kriminologie als ideologiekritisches Projekt. In: Anhorn, Roland/Bettinger, Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 431-448.

Frankfurter Restaurant erklärt USA den Wirtschaftskrieg

Schnappschuss aus Schaufenster im Bahnhofsviertel

Schon in den Nachrichten gelesen?

„Schwarzer Tag für die Wallstreet, Amerikas Wirtschaft zittert, denn ein Frankfurter Gastronomiebetrieb mit über 12 Sitzplätzen übt Vergeltung an den USA. Donald Trump erklärt per Twitter seine Politik für gescheitert, Chāmeneʾi würdigt den ,mutigen Kampf‘ gegen den ,großen Satan‘.“

Vielleicht widme ich diesem kleingeistigen Antiamerikanismus hier schon zuviel Aufmerksamkeit. Aber wenn manche Menschen schon während der aktuellen ökonomischen Zerwürfnisse zwischen den USA und Deutschland damit anfangen, der Wirtschaftskriegsstimmung Taten folgen zu lassen und alle amerikanischen StaatsbürgerInnen mit der Politik Trumps identifizieren, dann möchte man gar nicht wissen, in welchen Wahn sie verfallen würden, würde es noch ernster werden mit der Staatenkonkurrenz.

Cheers!