Was der Igel darf und den Obdachlosen verwehrt wird

Schnappschuss während Streetwork

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Wer darf im Winter im Laubhaufen schlafen? Igel, Insekten, Spitzmäuse. In Frankfurt aber keine Menschen. Da macht man ein Gitter drumherum. Nicht, dass die sich wie letztes Jahr wieder auf den gleichen Laubhaufen an derselben Stelle legen und dort schlafen, das wäre ja zuviel des Guten.
Denn wir wissen ja von Michael zu Löwenstein: „Wir tun ja bereits sehr, sehr viel für Obdachlose jeglicher Herkunft. […] Die Notwendigkeit […] zusätzliche Angebote zu schaffen, sehen wir nicht.“
(Schnappschuss während Streetwork)

Die antiziganistische Struktur des Frankfurter Armutsdiskurses

Veranstaltungsankündigung meines Vortrags am 31.10.2018

Im Folgender der detailierte Ankündigungstext zu meinem Vortrag, den ich im Zuge der Veranstaltungsreihe „Perspektiven auf Lebensrealitäten von Rom*nja in Frankfurt. Antiziganistische Vorurteilsstrukturen von der NS-Zeit bin heute“ halte. Am 31.10.2018 um 19 Uhr im KOZ.

 

Eine Analyse des aktuellen medialen wie kommunalpolitischen Antiziganismus in Frankfurt vor dem Hintergrund seiner gesellschaftlichen Grundlage sowie seiner ungebrochenen historischen Kontinuität

Als Italiens Innenminister Matteo Salvini im Sommer dieses Jahres vorschlug, alle RomNia Italiens polizeilich zu erfassen, war die Empörung deutscher Leitmedien über die protofaschistische Politik der Lega Nord groß. Der massenmediale Fingerzeig auf die italienischen Verhältnisse ignorierte jedoch die Tatsache, dass auch in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert RomNia, SintiZe und andere Markierte kriminalisiert und polizeilich erfasst werden. Erst vor Kurzem kam der Politologe Markus End zum Schluss, dass die kriminalpolizeiliche Kategorisierung der RomNia und SintiZe in Frankfurt bis in die heutige Zeit stattfindet.

Die antiziganistische Ideologie und ihr Widerhall in Deutschlands Politik und Gesellschaft zeichnen sich – trotz des deutschen Völkermords an den RomNia und SintiZe – durch eine erstaunliche Kontinuität aus. Nach 1945 hat sich das Sprechen über RomNia, SintiZe und andere Markierte jedoch auch verändert und wurde chiffriert, so dass Antiziganismus in Deutschland vollkommen enttabuisiert öffentlich reproduziert werden kann, selbst wenn Vernichtungsphantasien deutlich zutage treten: „Wann werden sie endlich vertrieben?“ fragt eine Boulevardzeitung etwa in einem Artikel über „aggressive Bettler“ in Frankfurt.

Eine besondere Konjunktur hat der Antiziganismus dabei stets in Zeiten ökonomischer Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche. Im aktuellen Diskurs über Armut und binnen-europäische Migration (mediales Schlagwort: „Armutsmigration“) erlebt der Antiziganismus daher eine erschreckende Hochphase. Ausländische Wohnungslose und Arbeitssuchende werden als Gefahr für die deutsche Nation dargestellt. Die Hauptzielscheibe dieser nationalistischen Wut sind dabei vor allem RomNia und alle anderen, die der Antiziganismus markiert.

Der Vortrag veranschaulicht, wie sich einerseits im aktuellen Frankfurter Armutsdiskurs und anderseits in der örtlichen kommunalpolitischen Praxis Antiziganismus widerspiegelt und erinnert an dessen historische Kontinuität in Frankfurt. Dabei beschränkt sich der Vortrag nicht auf eine Analyse des Sprachlichen, sondern umreißt auf der Basis einer materialistischen Gesellschaftstheorie und der kritischen Kriminologie die gesellschaftlichen Grundlagen der antiziganistischen Ideologie.

Sinnloses Muskelspiel

Wie man heute bundesweit in der Presse lesen darf, hat die Polizei heute Nacht erneut das Bahnhofsviertel durchkämmt und den einen oder anderen Zufallserfolg erzielt.

Die der Öffentlichkeit präsentieren Erfolge sind derart gering, dass schnell klar wird, worum es nach meiner Meinung geht: Die Muskeln spielen lassen, Macht demonstrieren, die Überlegenheit der blauen Gang beweisen, die Daseinsberechtigung der „special forces“ im Bahnhofsviertel belegen. Nichts wird sich nachhaltig durch solche Muskelspiele am Drogenhandel oder an der Struktur der Sexarbeit im Viertel ändern.

Menschen berichteten mir heute im Viertel, dass gegen sie von der Polizei wegen Kleinstmengen Marijuana „zum Eigenkonsum“ auf der Straße hochgenommen wurden. So kamen also die von der Polizei als Erfolg gemeldeten 27 Rauschgiftdelikte zum Teil zustande: indem man mit „Kanonen auf Spatzen“ schießt. Wahrscheinlich hätte eine Durchsuchung jeder Abifeier im Grüneburgpark mehr RauschgiftbesitzerInnen entlarvt.

Mehr zu den Kollateralschäden der polizeilichen Muskelspiele lesen Sie hier.

 

Zum Beispiel Ausgrenzung von Obdachlosen

Sozialarbeit als willfährige Vollstreckerin nationalistischer Politik und die Notwendigkeit einer kritischen Praxis Sozialer Arbeit

Seit ich die Alma Mater verlassen habe und ich mich leider nur noch nebenher der Wissenschaft und der kritischen Reflexion der Berufspraxis Sozialer Arbeit widmen kann, liegt mir immer öfter mein alter Freund Crash* in den Ohren. Als wir beide noch Studenten waren, begründete Crash seine damalige Überzeugung, kein Sozialarbeiter werden zu wollen, laut meiner Erinnerung mit folgenden Worten: „Ich will doch kein Bulle werden.“**

Ich weiß nicht genau, ob ich damals den tieferen Sinn dieses Satzes begriffen habe. Je mehr ich den Unterschied zwischen meinem eigenen an der Hochschule internalisierten Selbstbild als Sozialarbeiter und dem, was die Berufspraxis aus vielen SozialarbeiterInnen macht, kennenlerne, desto öfter werde ich jedoch daran erinnert, wie schwierig es für manche SozialarbeiterInnen ist, nicht nur ein/e ErfüllungsgehilfIn der staatlichen Exekutive zu sein.

An der Hochschule, Stichwort „Professionalisierungsdebatte“, wird Studierenden der Sozialen Arbeit eingebläut, dass es unglaublich wichtig sei, als SozialarbeiterIn eine eigene Berufsidentität zu entwickeln und sich auf die Profession Sozialer Arbeit rückbeziehen zu können, um den Anforderungen, die z.B. die Politik an die Sozialarbeit stelle, im Zweifelsfall auch widersprechen zu können. In der Vorstellung der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession heißt das, dass SozialarbeiterInnen ein „eigenes, wissenschaftlich und ethisches begründetes Referenzsystem, das der Profession eine kritisch-reflexive Distanz gegenüber den AdressatInnen, der Politik, den Trägern/Finanzgebern ermöglicht“ (Staub-Bernasconi 2007, 7) brauchen. Ich verstehe seither Soziale Arbeit als Menschenrechtsarbeit und berufe mich auf die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und auf meine Berufsethik. In der Berufspraxis erkenne ich tagtäglich, wie wichtig es ist, die Frage „Was ist Soziale Arbeit und wozu praktizieren wir diese?“ beantworten zu können, um gegenüber Vorgesetzten, gesellschaftlichen Institutionen und in gesellschaftlichen Debatten selbstbewusst auftreten zu können und für seine Klientel parteiisch sein zu können.

Soweit das internalisierte Selbstbild als Sozialarbeiter. Die kritische Theorie der Sozialen Arbeit widerspricht diesem Selbstbild zwar nicht, aber hat im Gegensatz zur Theorie einer Staub-Bernasconi stets betont, wie schwierig (wenn nicht sogar unmöglich) es ist, sich im Berufsalltag nicht den Vorgaben der Politik zu beugen. An dieser Stelle wird die ordnungsstabilisierende Funktion der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund einer bürgerlich-kapitalistischen Grundstruktur herausgestellt. Ein Blick auf die Entstehung der Sozialarbeit und ihrer Vorläufer in Deutschland lässt erkennen, dass die Sozialarbeit stets auch eine herrschaftssichernde Reaktion auf soziale Konflikte, also der Versuch, gesellschaftliche Phänomene wie etwa den Pauperismus oder die Arbeiterbewegung sozialreformerisch zu zähmen, war (vgl. Sorg 2012, 104 ff.) Die gesellschaftliche Funktion von Hilfe wird, unabhängig von der subjektiven Intention der/des PraktikerIn, durch eine abmildernde Bearbeitung von durch die Mehrheitsgesellschaft definierter Devianz erfüllt. Diese Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemen kann durch eine Entpolitisierung von gesellschaftlichen Konflikten qua Individualisierung und Ethnisierung (vgl. Cremer-Schäfer/Steinert 2014, 47 ff.) stattfinden und soll in seiner inkludierenden Variante die KlientInnen zu „funktionsfähigen“ LohnarbeiterInnen machen, in seiner exkludierenden Variante die Ausgeschlossenen kontrollieren, etikettieren und damit weiterhin marginalisieren (vgl. Sorg 2012, 106; Stehr 2012, 434).

An dieses, eher pessimistische Bild der Sozialen Arbeit, das widerspruchsfrei auch mit dem Satz meines alten Freundes Crash kompatibel ist, fühle ich derzeit in der Wohnungslosenhilfe erinnert. Wie ich auf diesem Blog schon des öfteren thematisiert habe, hat die deutsche Politik in den letzten Jahren viele Anstrengungen unternommen, um wohnungslose EU-BürgerInnen aus der staatlichen Hilfe auszuschließen. Keine Arbeit zu haben und keinen deutschen Pass, dafür aber EU-BürgerIn zu sein, das heißt in der Regel auch, keinen Platz in einer kümmerlichen Mehrbett-Notunterkunft zu bekommen, keine Hilfe für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten nach §§67 SGBXII, keine andere Form von staatlicher Hilfe, keine übliche medizinische Versorgung. Die Mittel der SozialarbeiterInnen für einen Großteil der Obdachlosen in Frankfurt beschränken sich somit auf eine Überlebenshilfe, die keinen menschenwürdigen Standard gewährleistet. Die klassischen Instrumente der Wohnungslosenhilfe, nämlich Hilfen nach §§67 SGBXII, Hilfe beim Antrag von anderen staatlichen Hilfen oder/und die Vermittlung in ein Notbett, sind auf die Mehrheit der Obdachlosen nicht mehr anwendbar.

SozialarbeiterInnen böten sich mehrere Optionen, um auf diesen politischen Wandel zu reagieren. Eine Möglichkeit, ganz im Sinne einer eigenen Berufsidentität, wie man von ihr an der Hochschule redet, wäre, seine Arbeit auf die Menschenrechte rückzubeziehen und den Artikel 25 der UN-Menschenrechtskonvention vor Augen zu haben, denn „jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen gewährleistet.“ Beim Kontakt mit Ämtern, Vorgesetzten, der Kommunalpolitik könnten SozialarbeiterInnen als Lobby ihrer Klientel diesen nationalistischen Ausschluss eines Großteils ihrer Klientel zum Thema machen. Sie könnten sich als kollektiver Akteur mit ihren KollegInnen zusammenschließen und die Möglichkeiten des Protestes gegen eine nationalistische Sozialpolitik erörtern. Ich kenne nicht wenige KollegInnen, die ihr Möglichstes tun, um den Ausschluss und die Versagung von universellen Grundrechten anzuprangern. Die Bedingung zu einem solchen widerständigen Handeln ist aus meiner Sicht, selbst zu wissen, wer man ist und die oben aufgeworfene Frage „Was ist und weshalb betreiben wir Soziale Arbeit?“ beantworten zu können.

Die Soziale Arbeit und ihre Vorläufer haben aber in der Vergangenheit oft eine andere Antwort auf politische Vorgaben gewählt. Ich will ihn hier den Weg des geringsten Widerstands nennen. Die neuen politischen Maxime werden hierbei einfach übernommen, internalisiert und in die sozialarbeiterische Praxis integriert. Der Reiz dieses Weges liegt auf der Hand: Der Job bleibt sicher, die Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg wird nicht verwehrt, die Konflikte mit Vorgesetzten, Ämtern oder PolitikerInnen halten sich in Grenzen, das gesellschaftliche Ansehen ist hoch, vielleicht winkt irgendwann ein Pöstchen beim Arbeitgeber oder in der kommunalen Sozialverwaltung? Das schlimmste Beispiel für die Übernahme politischer Vorgaben ohne widerständige Praxis bildeten diejenigen, die in der Fürsorge und Wohlfahrtpflege zur Zeit des Nationalsozialismus arbeiteten: Sie wurden zum Größten Teil zu willigen VollstreckerInnen der nationalsozialistischen Vernichtung. Zu diesem dunklen Kapitel der Sozialen Arbeit gibt es mittlerweile viel Forschungsliteratur (kurze Einführung samt Forschungsübersicht: hier). Das damalige Klima der Einschüchterung, der faschistischen Formierung und die damalige Angst vor drastischen Sanktionen im Falle von Widerstand werden damals ebenfalls zur Übernahme der nationalsozialistischen Ausgrenzung beigetragen haben.

Obwohl wir in einer Zeit des gesellschaftlichen Rechtsrucks mit ungewissem Ausgang leben, wären SozialarbeiterInnen, die politischer Exklusion widersprechen, heutzutage in Deutschland nicht im Entfernten einer ähnlichen Gefahr wie kritische FürsorgerInnen in Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie könnten den politischen Ausschluss offensiv anprangern und sich öffentlich für eine Wahrung der Menschenrechte auch für obdachlose EU-BürgerInnen einsetzen, vermutlich würde dieses Eintreten für die Klientel mit keiner einzigen Sanktion belegt werden. Es erfüllt mich daher mit größter Sorge, dass einige SozialarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe die politische Ausgrenzung komplett in ihr Sprechen und ihr Verständnis von Hilfe integriert haben: Eine Institution der Wohnungslosenhilfe und ihre SozialarbeiterInnen zählen seit Neuestem OsteuropäerInnen nicht mehr zu den Wohnungslosen. Sie sprechen von KlientInnen der Wohnungslosenhilfe einerseits, und OsteuropäerInnen andererseits. Dieser verbale Ausgrenzung aus dem Hilfesystem ist noch mehr als der Widerspiegelung der aktuellen Gesetzeslage. Denn das neue Gesetz schließt selbstverständlich nicht nur OsteuropäerInnen aus, sondern eigentlich alle EU-BürgerInnen ohne Arbeitnehmerstatus gleichermaßen***. Die SozialarbeiterInnen der besagten Institution gehen aber noch weiter, und spiegeln durch ihre Trennung von „KlientInnen der Wohnungslosenhilfe“ und „OsteuropäerInnen“ die nationalistische Hetzstimmung des massenmedialen Armutsdiskurses gegen die so genannten „Südosteuropäische Armutsmigranten“ (vgl. Lausberg 2015) wider.

Die Gründe, in dieser Institution eine solche einheitliche Sprachregelung zu treffen, kenne ich nicht. SozialarbeiterInnen, die selbst im heutigen gesellschaftlichen Klima ihr sozialarbeiterisches Rückgrat vermissen lassen und den politischen Ausschluss sprachlich manifestieren, sind für mich aber ein beängstigender Hinweis darauf, dass im Falle einer potentiellen erneuten Faschisierung der Gesellschaft eventuell auch dieses Mal in meinen Berufsstand kaum Hoffnung zu setzen ist.

Kommen wir zuletzt wieder zu Crash. Dieser Text soll nicht als Aporie verstanden werden. Wenn Crash damals meinte, dass man als SozialarbeiterIn zwangsläufig ein „Bulle“ sei, dann müsste ich ihm heute widersprechen. Ich habe zu viele gute SozialarbeiterInnen kennengelernt, deren Arbeitshaltung trotz alledem durch einen unerschütterliche Prinzipientreue, eine sympathische anarchistische Grundhaltung und eine leidenschaftliche Anwaltschaft für ihre Klientel geprägt ist, um an die Unausweichlichkeit der Übernahme politischer Vorgaben durch die Soziale Arbeit zu glauben. Was SozialarbeiterInnen nach meiner Einschätzung aber benötigten, um eine Kritik ihrer eigenen Praxis und eine kritische Praxis zu entwickeln, sind Reflexionsräume, in denen SozialarbeiterInnen als SozialarbeiterInnen ihre eigene Praxis überdenken und ihre Verstrickung in die Aufrechterhaltung von Unterdrückung reflektieren können (vgl. Anhorn et al. 2012, 12 f.). Um in diesem Kontext Frank Bettinger zu zitieren: „Eine sich reflexiv und kritisch verstehende Soziale Arbeit [ist] aufgefordert, die Begrenzungen und subtilen Mechanismen zu erkennen, zu kritisieren und gegebenenfalls zu zerstören, die dazu beitragen (sollen), gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse zu reproduzieren und Herrschaftsverhältnisse zu verinnerlichen“ (Bettinger 2013, 87). Diese Räume können in kleinerem Rahmen sozialarbeiterische Dienstbesprechungen sein, aber sollten im Idealfall über die eigene Einrichtung hinaus gehen, im Sinne einer interinstitutionellen Interessenformulierung, Identitätswahrung (- oder erst Bildung?) und widerständigen Berufspraxis. Wie diese Räume zu schaffen wären, dies soll jedoch ein anderes Mal Thema sein.

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* Name durch den Autoren geändert

** Dies hielt ihn nicht davon ab, seine Abneigung gegen SozialarbeiterInnen später aufzugeben

*** Zu detailierteren Spitzfindigkeiten des Sozialrechts für EU-AusländerInnen, vgl. diese, leider nicht mehr ganz aktuelle Handreichung

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LITERATUR:

Anhorn, Roland/Bettinger, Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (2012): Zur Einführung: Kristallisationspunkte kritischer Sozialer Arbeit, In: Anhorn, Roland/Bettinger,Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritischeSoziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 1-26.

Bettinger, Frank (2013): Kritik Sozialer Arbeit – Kritische Soziale Arbeit. In: Hünersdorf, Bettina/Hartmann, Jutta: Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit? Disziplinäre und interdisziplinäre Diskurse, Wiesbaden: Springer VS, 87-108.

Cremer-Schäfer, Helga/Steinert, Heinz (2014): Straflust und Repression. Zur Kritik der populistischen Kriminologie (2. Auflage), Münster: Westfälisches Dampfboot.

Lausberg, Michael (2015): Antiziganismus in Deutschland. Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien, Marburg: Tectum.

Müller, Falko (2012): Von der Kritik der Hilfe zur „Hilfsreichen Kontrolle“: Der Mythos von Hilfe und Kontrolle zwischen Parteilichkeit und Legitimation. In: Anhorn, Roland/Bettinger,

Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 123-146.

Sorg, Richard (2012): Kapitalismus und Soziale Arbeit. In: Eichinger, Ulrike/Weber, Klaus (Hrsg.): Soziale Arbeit. Texte kritische Psychologie (Bd. 3), Hamburg: Argument, 97-121.

Staub-Bernasconi (2007b): Vom Beruflichen Doppel- zum professionellen Triple-Mandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit.In: Sozialarbeit in Östereich. 2/07, 1-17. Onlinequelle: http://www.avenirsocial.ch/cm_data/vom_doppel-_zum_tripelmandat.pdf

Stehr, Johannes (2012): Kritische Kriminologie als ideologiekritisches Projekt. In: Anhorn, Roland/Bettinger, Frank/Horlacher, Cornelis/Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 431-448.

Frankfurter Restaurant erklärt USA den Wirtschaftskrieg

Schnappschuss aus Schaufenster im Bahnhofsviertel

Schon in den Nachrichten gelesen?

„Schwarzer Tag für die Wallstreet, Amerikas Wirtschaft zittert, denn ein Frankfurter Gastronomiebetrieb mit über 12 Sitzplätzen übt Vergeltung an den USA. Donald Trump erklärt per Twitter seine Politik für gescheitert, Chāmeneʾi würdigt den ,mutigen Kampf‘ gegen den ,großen Satan‘.“

Vielleicht widme ich diesem kleingeistigen Antiamerikanismus hier schon zuviel Aufmerksamkeit. Aber wenn manche Menschen schon während der aktuellen ökonomischen Zerwürfnisse zwischen den USA und Deutschland damit anfangen, der Wirtschaftskriegsstimmung Taten folgen zu lassen und alle amerikanischen StaatsbürgerInnen mit der Politik Trumps identifizieren, dann möchte man gar nicht wissen, in welchen Wahn sie verfallen würden, würde es noch ernster werden mit der Staatenkonkurrenz.

Cheers!

 

 

 

 

Vortrag über Antiziganismus in Frankfurt: Präsentation als Download

Die Folien meines Vortrages vom 26.11.2017 kann man jetzt herunterladen

Auf Wunsch eines Freundes stelle ich hiermit die Präsentation des Vortrags „Politik im Geiste der ,Zigeuner- und Arbeitscheuengesetze‘: Eine Analyse der aktuellen antiziganistischen Aufwallung in Frankfurt und ihrer gesellschaftlichen Grundlagen“ online, der leider durch die neuere Räumung der Ferro-Obdachlosensiedlung nichts an Aktualität verloren hat. Voilà:

https://bohemeben.files.wordpress.com/2018/06/prc3a4si-antizig-neu-2.pdf

 

Wo liegt eigentlich dieses Frankfurt?

Überleben in Frankfurt oder: Warum es sehr wichtig ist zu wissen, wie Frankfurts gefühlte Entfernung zu Bayern beträgt (Gastbeitrag von Hunter S. Heumann).

Man könnte meinen, die Geographinnen und Geographen hätten die Frage, wo denn ein Ort liege, hinreichend beantwortet.

So würde höchstwahrscheinlich ein Großteil der Leserinnen und Leser der Aussage zustimmen, dass Frankfurt am Main liege, und dass sich die Stadt zwischen Taunus und Wetterau im Norden, dem Odenwald im Süden und dem Spessart im Osten schmiege.

Will man sich als Zugereister oder Zugereiste jedoch unter das gemeine Volk mischen, so kann es mitunter überlebenswichtig sein, die subjektive Verortung der Einheimischen zu kennen: Wer beispielsweise im beschaulichen bayerisch-fränkischen Volkach am Main das mehr oder weniger berühmte Weinfest besuchen möchte und seines Lebens froh ist, der unterlasse besser die Formulierung, dass Franken ein Teil des Freistaats Bayern sei. Und eine Touristin in einer Frankfurter Kneipe sah ich einst knapp dem Lynchmob entkommen, als sie sagte, sie werde an Offenbach erinnert, jedes Mal, wenn sie Frankfurt in der Zeitung lese.

Sollte ihnen also, liebe Leserin und lieber Leser, ihr Leben auch lieb sein, und sollten Sie sich ebenfalls einmal als Zugereister oder Zugereiste mit den Eingeborenen gemein machen wollen, sollten Sie in Erfahrung bringen, welchen Platz auf der Erdenrund die Einheimischen für ihre Stadt vorsehen.

Im Vergleich zu Frankfurt ist die intersubjektive Verortung anderer deutscher Städte wesentlich unstrittiger: So weiß jeder, der jemals in Leipzig war, dass sich die Bachstadt am Allerwertesten der Welt befindet, in seiner Abgeschiedenheit nur noch übertroffen von einigen Orten in bayerisch Sibirien, Hof oder Weiden in der Oberpfalz zum Beispiel.

Wo aber liegt nun dieses Frankfurt in den Augen seiner Bürgerinnen und Bürger? Da ich seit vielen Jahren schon mich unter die einheimische Bevölkerung gemischt und sie lieben gelernt habe, hatte ich genügend Zeit, durch meine teilnehmende Beobachtung dem Frankfurter Volk „aufs Maul zu schauen.“ Versuchte man, eine Karte zu zeichnen, auf der das gefühlte Frankfurt verzeichnet ist, so fiel sofort ins Auge, dass die Frage, wo denn eigentlich dieses Frankfurt liege, wohl eine Art innere Zerrissenheit der Einheimischen widerspiegelte: Vielleicht könnte sich ein Virtuose der theoretischen Physik vom Formate eines Stephen Hawking – unter Einbezug einer 5. und 6. Dimension – einen Reim auf die subjektive Verortung der Einheimischen machen. Für den naturwissenschaftlich ottonormal-begabten fände das vorgestellte Frankfurt seiner Bürgerinnen und Bürger auf einer üblichen Landkarte keinen Platz und könnte nur auf einer Karte der fernen Zukunft dargestellt werden. Vorausgesetzt die Menschen lernten es, interdimensional zu reisen.

Dieses Zeit-Raum-Paradoxon der Frankfurter Verortungen lässt sich bereits im Verhältnis zu seinem unmittelbaren Nachbarn erkennen. Ein strenges Abgrenzungsbedürfnis zum Stamm der Bajuvarinnen und Bajuvaren im Allgemeinen und ihrer Hauptstadt im Speziellen äußert sich in vielen Variationen.

Fangen wir bei einfachen Distanzeinschätzungen an: Während meines Studiums hatte ich einst die Gelegenheit, eine Erdkundestunde mit Frankfurter Elfklässlerinnen und Elfklässlern zu gestalten. Es war eine jener Stunden vor dem Sommerferien, in denen sich der Lehrkörper zum Zeitvertreib ein Bespaßungsprogramm erdenkt. „Wie groß ist die Distanz von Frankfurt zur bayerischen Grenze?“ lautete eine Frage. Wüssten Sie es? Mit Verwunderung nahm ich zur Kenntnis, dass die geringste geschätzte Distanz 150 KM lautete. Die korrekte Antwort? Von Frankfurt Fechenheim zur bayerischen Landesgrenze sind es Luftlinie keine zwanzig Kilometer. Diese Alltagsempirie besitzt freilich zunächst wenig Beweiskraft. Ich könnte es ja zufälligerweise mit einer besonders Geographie-unbegabten Klasse zu tun gehabt haben.

Vielleicht kann man der Wahrheit aber an Frankfurts Wirtshaustischen näher kommen? Diesmal geht es nicht um eine Entfernung an Länge, sondern um ideologische Distanz. Selbst der eiserne Stammwähler der Christlich Demokratischen Union ist sich nach dem ersten wie dem letzten Schoppen sicher, dass Frankfurt ein Hort politischen Liberalität und Vernunft sei. Bayern hingegen sei der finstere Hort der Konterrevolution. Nun bieten die Herren über die Bajuvarinnen und Bajuvaren wirklich wenig Anlass, an eine libertatis bavariae zu glauben. Wer wie ich in seiner Jugend nicht in das Bild der christlich-sozial aufgedunsenen Landjugend passte kann davon ein Lied singen (nach neuerer Gesetzeslage, so hört man aus Bayern, kann Sie die Polizei in Bayern mittlerweile beliebig lange wegsperren, wenn Ihr Ihre Visage nicht passt. Da legst di nieder!). Die hessische CDU im Allgemeinen und ihr Frankfurter Stadtverband im Speziellen sind hingegen stets das genaue Gegenteil ihrer bayerischen Schwesterpartei gewesen: Progressiv, in die Zukunft gewandt, stets bemüht. Alexander Gauland, Martin Hohmann, Erika Steinbach und Roland Koch sind hierfür treffende Beispiele. Nicht.

Wir wollen festhalten: Die Frankfurterinnen und Frankfurter besitzen gegenüber der politischen Kultur der Bajuvarinnen und Bajuvaren allerlei Abgrenzungsbedürfnisse. Das Zentrum der Weißwurstsudhölle stellt für die Frankfurterinnen und Frankfurter München dar. Einst stand auf einer Hauswand, gegenüber des Schreiber-Heyne Biergartens in Sachsenhausen, ein denkwürdiges Graffito: „Frankfurt darf nicht München werden“ stand dort geschrieben. Fragt man in eine Wirtshausrunde, was man in Frankfurt mit diesem Spruch verbinde, fallen Schlagworte wie „Mietpreise“ und „Schickeria“. Wie lange muss man seine in den Siebzigern instandbesetzte und später zu einem Spottpreis erworbene Gründerzeitaltbauwohnung am Grüneburgpark nicht verlassen haben, um noch einen spürbaren Unterschied zwischen Mietpreisen und Schicki-Dichte zwischen den beiden Städten auszumachen? Mit einer ausgeprägten Abneigung gegen rosa Hemd tragende Freiherr-von-und-zu-Guttenberg-Verschnitte kann man doch in Frankfurt kein einziges Etablissement betreten.

Wir fassen zusammen: Trotz nicht zu leugnender ideologischer, sozio-demographischer und geographischer Nähe ist Frankfurt für seine Einheimischen recht weit von Bayern entfernt. Man müsste das gefühlte Frankfurt auf einer Landkarte also irgendwo an die dänische Grenze setzen.

Aber liegt Frankfurt überhaupt in Deutschland? Auf einer Demonstration gegen PEGIDA trug ein Demonstrationsteilnehmer ein Plakat mit folgendem Inhalt: „Haut ab nach Deutschland, das ist Frankfurt, Brudi!“ Dieser Spruch mag dem einen oder anderen befremdlich vorkommen, doch spiegelt er durchaus eine innere Zerrissenheit der Frankfurter Brudis und Schwestis wider. Niemand, nicht die Preußen, nicht dieser Adenauer, nicht einmal die hundsgemeinen Hessinnen und Hessen, räumte Frankfurt den Platz ein, der dieser Stadt laut seiner Einheimischen gebühre. Obwohl „im Herzen von Europa“ (Heinz Böcher) gelegen, durfte Frankfurt weder die Hauptstadt der Welt, noch Deutschlands oder Hessens werden. Nicht einmal zum Verwaltungssitz Südhessens langte es am Ende.

Nicht wenige Frankfurterinnen und Frankfurter haben aus dieser mangelnden Anerkennung eine kosmopolitische Tugend geformt. Wer will sich in Zeiten von internationaler Vernetzung und Glokalität schon mit kleinen deutschen Maßstäben messen? Man baute einen riesigen internationalen Flughafen, bemüht sich, Europas Finanzmetropole zu werden und unterhält neuerdings so etwas wie eine Frankfurter Botschaft in Berlin, genannt „Hauptstadtbüro“ – wer weiß, vielleicht auch bald in Tokio, Brasilia oder Washington D.C.? Nur stolzen Einheimischen kommen solche kosmopolitischen Analogien in den Sinn: Mainhattan, Big Äppler, Handkäs international. Oder kämen Sie auf die Idee, die Taunusanlage mit dem Central Park und das Bahnhofsviertel mit Soho zu vergleichen (siehe Lokalpresse)? Die Frankfurterinnen und Frankfurter lieben dann und wann das Bild des kosmopolitischen Weltbürgertums, dessen Teil sie sein möchten. Wer braucht da schon Deutschland?

Ich spräche nicht über Frankfurt und sein Selbstbild, würde zur Ambiguität, dass man die Hauptstadt Deutschlands sein möchte, andererseits sich gar nicht mit nationalen Koordinaten messen mag, nicht noch ein weiteres Paradoxon hinzutreten: In manchen Momenten fühlt man sich eben doch ganz und gar nicht wie in einer internationalen Metropole. Eher wie in einer Dorfschänke „zum deutschen Hause“ im hintersten Hintertaunus. Wenn sich die Mine deiner ansonsten eher liberal gesinnten Zechkumpanin verfinstert, und folgende mahnende Worte aus ihrer Kehle schallen: „Mische niemals, wirklich niemals, Limonade mit Apfelwein.“ Wenn aus einem zuvor lockeren Gesprächpartner der heilige Ernst spricht: „Verpansche niemals die Frankfurter Grüne Soße mit Dill, Du Narr!“ Spätestens dann weißt Du, dass die Frankfurterinnen und Frankfurter hin und her gerissen sind zwischen tumbem Lokalpatriotismus und weltgewandtem Kosmopolitismus.

Spätestens hier müsste man mehr als zwei Dimensionen mitdenken, verzeichnete man Frankfurts subjektive Verortung in eine Karte. Einerseits müsste man eine gefühlte Hauptstadt Deutschlands „im Zentrum von Europa“ zeichnen, andererseits ein Cosmopolis in unmittelbarer Nähe zu allen Weltmetropolen. Einerseits scheint Frankfurt eine Großstadt zu sein, die viele Einflüsse in sich aufnimmt, andererseits wirkt sie wie ein abgeschottetes Dörfchen, dessen Mitglieder aus lauter Angst vor Fremden sich immer wieder selbst untereinander verheiraten (wie dies im Übrigen in einigen Gemeinden Mittelfrankens lange praktiziert wurde – oder wird?).

Wo liegt also, verdammt noch eins, dieses Frankfurt? Sollten Sie diese Frage nach dem Lesen dieses Textes noch immer nicht hinreichend beantworten können, so seien Sie sich gewiss, dass es Ihnen nicht anders geht als selbst den meisten Frankfurterinnen und Frankfurtern. Ihre Selbstverortung ist durchdrungen von Widersprüchen, Ambiguitäten, gegensätzlichen Gleichzeitigkeiten. Vielleicht gehört aber diese innere Zerrissenheit schon seit sehr langer Zeit zur Befindlichkeit der Frankfurterinnen und Frankfurter? „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust“ schrieb vor gut zweihundert Jahren ein berühmter Frankfurter. Und selbst der wusste bekanntlich nicht, wie er’s mit seiner Geburtsstadt halten soll.